Wer bin ich? Ich zwischen Verdinglichung und Auflösung

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Es scheint klar, dass sich die Frage "Wer bin ich?" aus mir selbst (um nicht zu sagen: aus dem Ich selbst) beantworten lassen muss, d.h. - wie man heute sagt - in der Perspektive der 1. Person. Weniger klar ist aber, in welcher Weise ich mich bei der Beantwortung der Frage in Anspruch nehmen kann.

Prinzipiell lassen sich drei Antworttypen unterscheiden:

1) Die Antwort erfolgt in der Bezugnahme auf mich als den "Kern" aller meiner Eigenschaften, Strebungen, Vorstellungen und Verhaltensweisen, auf mich als deren "Substanz", auf mich als das sich in ihnen identisch Durchhaltende. Bei dieser Bezugnahme verdingliche ich mich zu einem Ich.

2) Die Antwort erfolgt in der Bezugnahme auf die beobachtbaren Eigenschaften, Strebungen, Vorstellungen und Verhaltensweisen, die in ihrer Summe mich ausmachen. Bei dieser Bezugnahme gehe ich in diesen Eigenschaften usw. auf; ein ihnen zugeordnetes Ich wird zur blossen Fiktion.

3) Die Antwort erfolgt aus dem Ich, verstanden als Selbstverhältnis in der Gestalt von Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung, Selbstsetzung oder Selbstsein. Bei diesem Ansatz bleibt "wer ich bin" im Selbstverhältnis aufgehoben. Existenzphilosophisch wird "wer ich bin" als "wer ich bin" ausbuchstabiert, d.h. die Frage nach dem Ich oder Selbst (wer?) findet im Selbstsein ihre Antwort.

Im Seminar sollen diese drei Antworten auf die Frage "Wer bin ich?" anhand der Besprechung von Textausschnitten durchgegangen werden, wobei die dritte Antwort im Zentrum stehen wird. Geplant ist, auf folgende Texte einzugehen:

Antwort 1: René Descartes: Meditationen über die erste Philosophie (1641), 2. Meditation, Abschnitt 1-8.

Antwort 2: David Hume: Traktat über die menschliche Natur (1739/40), Teil IV, Abschnitt 6 (Von der persönlichen Identität) // Thomas Metzinger: Der Ego Tunnel (2009), Ausschnitt aus der Einleitung.

Antwort 3: Johann Gottlieb Fichte: Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre (1797/98), Ausschnitte // Martin Heidegger: Sein und Zeit (1927), § 25; eventuell auch: Karl Jaspers: Von der Wahrheit (1947), Ausschnitte

Das definitive Programm wird später mitgeteilt; die Texte, die wir lesen wollen, werden den angemeldeten Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Februar 2015 zugestellt.

Anmeldung: Dr. Franz Brander (fnbrander@bluewin.ch)

Kosten: (inkl. Getränke und Pausenverpflegung): Mitglieder GAD und entresol Fr. 100.-; Nichtmitglieder Fr. 140.-.

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